Osterspaziergang
( Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche.
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weisses,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt es im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Strassen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet gross und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!
|
|
|
Der
Osterhase
(nach Alexander Roda Roda)
Es sprach einst der Hahn zum Hasen – höflich
doch ein wenig gereizt,
"Sie sind ja wieder einmal unglaublich populär.
Ich möchte endlich das Jahr erleben, wo nicht Millionen
von Osterkarten mit ihrem Bild verschenkt werden".
Dem
Hasen traten Zorn-stränen in die Augen. Der Hase
antwortete: |
|
"Ich
danke für diese Popularität.
Ja,
ich pfeife auf
die Popularität. Wie stehe ich da vor den anderen
Waldbewohnern, mit einem Nest voll bunter Ostereier?
Du Hahn, ich bin nur ein bescheidener Feld- und Waldbewohner
und beliebt bei vielen Tieren. Doch ich habe meine Mission
in der Natur und zwar die Fortpflanzung meiner Art.
Da erfindet irgendein Mensch das Märchen vom Osterhasen.
Sie wissen doch, daß daran kein Wort wahr ist.
Doch mein Ansehen ist dahin und ich bin für ewig
lächerlich gemacht. Mein Leben wird nicht ernst
genommen, sondern jeder bringt in Verbindung mit meinem
Namen, das Märchen mit dem Osterhasen und dem buntem
Osterei". Doch
der Hahn sagte: "Was wollen Sie? Die Menschen sind
nun einmal oberflächlich. Die Sahara ist nicht
durch ihre Kunst berühmt geworden, sondern durch
ihre Magerkeit und wird heute noch als Urbild der Magerkeit
verstanden. Gorbatschow ist ein Schnaps und kein russischer
Staatsmann oder Henry Clay eine Zigarre. Durch ein Ei
ist Kolumbus berühmter als durch seine Entdeckungen.
Denken Sie daran lieber Hase, es hat was Gutes, mißverstanden
oder beschimpft zu sein, denn es ist besser als vergessen
zu werden". |
|